Ving Tsun Geschichte

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NG MUI & VING TSUN (Schöne Frühling)

Als Überlieferung liegen uns zwei Legenden zur Entstehung des Ving Tsun vor. Sie entstanden vor 250-300 Jahren während der Regierungszeit von Yung-Cheng (1723-1736). Während der Ching Dynastie soll das Shaolin Kloster bei der Belagerung durch Soldaten der Manchu-Regierung abgebrannt worden sein. Dieses Ereignis war der Ausgangspunkt für zwei unterschiedliche Legenden, die in China verbreitet wurden.

1.

Bei den Triaden (chin. Geheimgesellschaften) wurde erzählt, dass hohe Beamte der Manchu- Regierung den Überfall mit Hilfe von Verrätern des Klosters geplant und durchgeführt haben. Nach dieser Überlieferung sollen fünf Mönche überlebt haben. Diese hielten sich versteckt und gründeten Geheimgesellschaften mit dem Ziel, die Ching Dynastie zu stürzen. Dazu entwickelten sie aus dem traditionellen Kung Fu das Vin Tsun als effektivere Kampfkunst.

2.

Eine andere Möglichkeit, wie sich alles zugetragen hat, wird in Kampfkunstkreisen Südchinas erzählt. Danach gab es mehr als fünf Überlebende. Auch die Namen decken sich nicht mit denen der Triaden. Das einzige, was beide Seiten gleich berichten, ist, dass ein Feuer im Kloster ausgebrochen sein soll, welches von Mönchen gelegt wurde.

Die weiterführende Erzählung basiert auf der zweiten Geschichte und wurde von den Kampfkunstkreisen verbreitet. Ob sich alles tatsächlich so zugetragen hat, ist jedoch schwer einzuschätzen.

Bei dem Brand kamen die meisten Shaolin- Mönche, die sich auf Kampfkunst verstanden, ums Leben. Die wenigen, die überlebten, flüchteten und zerstreuten sich im ganzen Land. Angeblich überlebten die fünf Ältesten und Führer des Klosters, unter ihnen die Nonne      Ng-Mui- eine Meisterin des Shaolin Kung-Fu. Ng-Mui war die älteste unter den fünf Weisen und zugleich die einzige Frau im Shaolin Kloster. Sie war gegenüber der Manchu- Regierung nicht ganz so ablehnend eingestellt wie ihre Kung-Fu Brüder, doch schreckte auch sie vor körperlicher Gewalt nicht zurück, wenn es darum ging, für die Gerechtigkeit einzutreten. Sie zog an die Grenze zwischen den Provinzen Szechwan und Yunan. Dort wollte sie sich abgeschieden von weltlichen Dingen ausschließlich und ungestört  auf Kampfkunst und Zen konzentrieren. Zen ist eine buddhistische Richtung und  Meditationsform, die während der Zeit der nördlichen und südlichen Dynastien durch Bodhidharma ( Mönch und Patriarch der Zen-Richtung) verbreitet wurde.

Ihre Sorge war aber nun, dass ihre Gegner die gleiche Kampfkunst der Shaolin beherrschten und sie eines Tages zu schwach wäre, um sich gegen sie zu schützen. Sie mußte also ein neues Kampfsystem schaffen, dass den bestehenden Shaolin- Techniken überlegen wäre. Die erste Anregung erhielt sie, als sie Zeuge eines Kampfes zwischen einem Fuchs und einem Kranich wurde. Der Fuchs lief im Kreis um den Kranich herum, in der Hoffnung, einen tödlichen Angriff gegen dessen ungeschützte Flanke anbringen zu können. Der Kranich aber blieb in der Mitte des Kreises und drehte sich stets so, dass seine Brustseite unverwandt dem Fuchs zugewandt war. Jedes Mal, wenn der Fuchs dem Kranich zu nahe kam und ihm etwa mit seiner Pfote angreifen wollte, wehrte ihn der Kranich mit einem Flügel ab und griff gleichzeitig mit seinem Schnabel an.

Dieser Kampf gab ihr die Inspiration, um ein neues Kampfsystem zu erschaffen. Die neuen Bewegungen waren fließend, nicht starr. Sie waren anpassungsfähig, nicht schwerfällig. Es gab keine unnützen Bewegungen mehr. Jede Technik war kampfbezogen. Dieses neue System machte es möglich, auch als schwächere Person gegen einen oder mehrere stärkere Angreifer zu gewinnen.

Ihre erste Schülerin war eine junge Frau namens Ving Tsun („Schöner Frühling“), nach der neue Kung-Fu- Stil benannt wurde. Diese gab ihr Können an ihren Mann weiter und so wurde Ving Tsun über Generation weiterentwickelt.[/halfcontent]


 

 

Leung Jan

[halfcontent title=““]Im fortgeschrittenen Alter gab Leung Yee Tai die Kunst des Ving Tsun an Leung Jan weiter. Leung Jan war ein bekannter Arzt in Fatshan, einer der vier berühmten Städte der Provinz Kwantung in Südchina. Fatshan, ein Verkehrsknotenpunkt am Perlenfluß, war ein berühmter Handelsplatz, an dem Regierungsbeamte, reiche Kaufleute, Arbeiter und gewöhnliches Volk zusammenkamen.

Leung Jan gehörte dort eine Art Kräuter-Apotheke. Er kam aus einer guten Familie, war kultiviert, freundlich und höflich. Er kümmerte sich nicht nur um seine Jang-Sang-Apotheke in Fatshan, sondern er gab den Bürgern von Fatshan auch ärztlichen Beistand. Als guter Arzt genoss er das Vertrauen der Einwohner, so dass seine Praxis gut besucht war. In seiner Freizeit widmete er sich der Literatur und – was manchen überraschte – der Kunst des Kämpfens. Er konnte sich allerdings nicht so recht entschließen, einem bestimmten Lehrer und Stil zu folgen. Auch hielt er nichts von den tiefen Stellungen und den „langen Brücken“, die auf die meisten so gefährlich und kraftvoll wirkten. Stile, die sich auf rohe Körperkräfte verließen, waren nichts für ihn. Ebenso wenig hielt er von Stilen, die aus schönen aber unpraktischen Bewegungen bestanden. Was er suchte, war ein System, dessen einfache Bewegungen praktisch und vernünftig anzuwenden waren. Jahre vergingen, in denen er nach dem richtigen System und nach dem richtigen Lehrer suchte. Endlich wurde sein Warten belohnt – er traf Leung Yee Tai und lernte von ihm das Ving Tsun-System.

Schon bald verdiente sich Leung Jan durch sein Können den Titel „Kung-Fu-König des Ving Tsun“. Sein Ruhm brachte ihm viele Herausforderungen ein. Ehrgeizige Kämpfer zwangen ihn, seinen Titel zu verteidigen, aber waren schnell besiegt. Überall, wo man seinen Namen nannte, erinnerte man sich an seinen Titel „Kung-Fu-König des Ving Tsun“ und an seine Siege über alle Herausforderer. Selbst heute spricht die ältere Kung-Fu-Generation noch voller Bewunderung von Leung Jans Kämpfen.[/halfcontent]